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    Kaum Hotel. Eher Zuhause.

19.07.2017, Hans-Martin Billing

+++ Gastfreundschaft ist, wenn man als Gast seine Seele baumeln lassen kann +++ mehr erfahren

17.07.2017, Katharina Schwab

ein Wohlfühlort zu 100%, so viel Aufmerksamkeit, Herzlichkeit findet man nicht oft. wir hatten vier wundervolle Tage in Balderschwang. wir kommen gerne und ganz sicher wieder mehr erfahren

16.07.2017, Margarete Steeb

Ein einzigartiges Wohlfühl-Ambiente! Alles wurde mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Die Menüauswahl, die Zubereitung und der Geschmack waren hervorragend. Vielen Dank für die erlebnisreichen Tage! mehr erfahren

Nimm mich mit!

Freitag - 5. Mai 2017 - Karl Traubel - 16 Kommentar(e)

Verfasst von
Karl Traubel


Nimm mich mit! Nimm mich mit!

… schrien wir aus lautem Halse, wenn früher ein Flugzeug über unser Tal flog. Früher. Das waren so die wilden Sechziger. Als Hippies die Welt eroberten. Und Jimi Hendrix und Janis Joplin auf dem Woodstock-Festival Massen bewegten. Weltweit. Mit einer Ausnahme: Balderschwang.
Da war es ruhig. Sehr ruhig sogar. In manchen Monaten kam am Vormittag der Postbote. Als Highlight des Tages. Danach war es wieder ruhig.
Früher – das war die Zeit, als noch stunden- und tagelang Schafkopf, Mensch ärgere Dich nicht, Monopoly usw. gespielt wurde. Früher – das war die Zeit, als die Musik von schwarzen runden Scheiben gehört wurde. Aufgelegt auf einem großen Gerät namens Grammophon. Die Stones, Beatles und Bee Gees hörten auch wir in diesem Bergdorf. Unsere Verbindung zur restlichen, „modernen“ Welt. Und die Pilzköpfe auf unseren Köpfen waren Ausdruck, dass auch wir dabei sein wollten. Die „Alten“ schüttelten darüber nur die Köpfe.
Früher – das war die Zeit, als die Autos noch Formen und Kurven hatten. Und das Tal eine Enklave war, zugänglich nur über Österreich, um ins Mutterland zu kommen. Der Broterwerb war teils legal, teils illegal. Es ging ums Überleben. Später, mit dem Bau der Passstraße, kam Mobilität ins Tal, Erleichterung. Denn die schikanösen Kontrollen der Gendarmen fielen endlich weg.

Und heute…?

Ist Bewegung in der Luft, weit oben in der Prioritätenliste steht unsere Mobilität. Auch heute sehen wir den Postboten noch. Jetzt aber täglich, vollbepackt und meist in Eile. Der “Alte“ wurde noch Kochdeckellupfer genannt, da er immer wusste, was wo gekocht wurde. Dementsprechend rundlich war auch sein Erscheinungsbild. Und informierte uns über die wichtigsten Ereignisse im Tag – bei Speis und Trank.

Die „Gesellschaftsspiele“ haben sich geändert. Von 3 – 88 Uhr sitzen die Gäste in der Lobby und klotzen begeistert nichtssagend in kleine rechteckige Geräte. Oftmals lange Zeit, fast bewegungslos. Wie sehr freue ich mich, wenn ich jemanden mit einem dicken literarischen Werk in der Lobby tief versunken sitzen sehe.

Heute sehen die Autos fast alle gleich aus, die PS-Zahl ist weit jenseits des 2-stelligen Bereiches aus früheren Generationen. Der Pass wurde perfekt und sicher ausgebaut, man cruist durch die Alpenwelt und führt die PS-starken Audi, BMW, Mercedes, Porsche o.ä. aus. Der fitte Oldtimer-Chauffeur öffnet sein Dach und genießt die frische Allgäuer Bergluft (und die Abgase seines Vorderen) aus dem noch ohne Katalysator gefilterten 911er, BJ 1954. Der Mountainbike-Fahrer hechelt, wenn er den Abzweig für die genussvolle Naturstrecke im schattigen Wald verpasst hat, nebenher.

Der Broterwerb der Talbevölkerung ist dem Mammon Tourismus zu nahezu 100 Prozent gewichen. Hier heißt es aufzupassen, dass der Gang auf diesem Grad des „Fremdenverkehrs“ nicht in die verkehrte Talseite biegt und abstürzt. Eine Brücke am Scheitelpunkt des Riedbergpasses mit 48 Tonnen Belastbarkeit, eine Tunnelverbreiterung, damit ja zwei Busse aneinander gut vorpassen, für all das gibt es EU- oder Landesfördergelder. Jedoch was ist der Preis dafür?

Lass mich da, würde ich gerne schreien…

Denn: braucht es nicht in dieser stressigen Zeit auch Orte der Rückkehr und der Ruhe? Orte, an denen die Natur im Vordergrund steht, weit weg von verpesteter Luft, Gestank und Abgasen der Ballungsgebiete? Muss man nicht schon allein aufgrund der Tatsache, dass das Hochtal mitten im Naturpark Nagelfluh liegt, hier drastisch gegensteuern, um Natur und Mensch zu erhalten und zu schützen?

Dies sind meine Gedanken. Zum immer höher und weiter. Zur Übererschließung der Täler der Alpen, inklusivem meinem. Und zu einer Gegenbewegung. Hin zur Achtsamkeit. Zum Om-Line-Sein.


16 Antworten zu “Nimm mich mit!”

  1. Geschätzter Karl
    gut beobachtet, einfühlsam geschrieben und die Nägel (nicht nur die der Nagelfluh) auf den Kopf getroffen.
    Ich wünsche mir und euch, dass wir noch oft nach Balderschwang und die ruhige Umgebung zu euch fahren können, um richtiggehend „well-being“, wie es neudeutsch heisst, zu er-leben.

    mit Gruss aus der Schweiz

    • Hallo Ueli,
      daß die Ruhe und Beschaulichkeit des Tales erhalten bleibt ist auch mein Hauptanliegen.
      Wie sehr geniesse ich für ein paar Tage das pulsierende Leben einer Großstadt, welch eine Klangvielfalt bietet eine Hansestadt wie Hamburg und gerade deswegen braucht es Orte wo die Stille ist.

      Auf ein Wiedersehen
      Euer Karl

      PS: Mir gefallen auch andere Großstädte, ….

  2. Schöner Blog von Ihnen. Wie schnell sich alles ändert. Vor ein paar Jahren noch begleitete ich Holzfäller im Winterwald bei Balderschwang. Romantisch anzusehen und zu fotografieren waren die Holzzieher, als sie vollbeladen eine Fuhre Baumstämme zu Tal zogen. Unromantisch für die Holzfäller, weil das für sie eine extrem harte Arbeit war. Traditionelle Arbeiten verschwinden immer mehr und damit auch die Identität einer Region. Was zählt ist Effizienz und Profit. Erst später merkt man was alles unwiederbringlich verloren wurde.

    • Hallo Andreas,
      stimmt auch mich stimmt es wehmütig wenn solche Kindheitserinnerungen verschwinden. Nur, daß diese Holzarbeiter nach Erleichterung suchen ist nachvollziehbar. Jedoch optimistisch stimmen mich unsere Berglar und Älpler welche Jahr für Jahr auf die Alp gehen und ihrer Berufung folgen. Jeden Sommer für mich eine Freude den einen oder anderen auf einer meiner Bergtouren zu besuchen und mit ihm hoigaada. (einen Smalltalk führen) Hier ist die Welt in Ordnung. Klar geht auf fast jede Alp in der Zwischenzeit ein Alpweg, der tägliche Bedarf kann so leichter besorgt werden. Hier sind zum grössten Teil gute Alpmeister am Werk die nachhaltig denken und handeln.
      Auf das Hier und Jetzt!
      Euer Karl

  3. Hallo Karl,
    Danke für Deine Gedanken es gibt viele Menschen die in Wirklichkeit die Ruhe und Zufriedenheit in der Stille suchen. Sie sollten den Mut haben in all diesem neuen Anzuhalten -Innezuhalten. Zu Wertschätzen und um das Alte Schöne mit dem Neuen zu verbinden.
    Denn nur der Augenblick ist es , der Zählt.
    Dieser Augenblick kann ich immer wieder im Hubertus spüren und mir Bewusst erlauben.
    Solange Du wachsam mit deinen Gedanken umgehst hat die Welt eine Chance. Ich wünsche vielen euren Gästen das Sie diesen besonderen Moment bei euch erleben.
    Ein treuer Gast Ursula Eser

    • Liebe Ursula,
      es freut mich immer wenn unsere Gäste meinen Blog lesen und mir antworten.
      Oftmals dachte ich mir schon, liest denn des keiner.
      Gerne können wir uns bei einem Eurer nächsten Besuche bei uns in Balderschwang unterhalten.

  4. Hallo Karl,
    Schön Deine Worte.
    Als Obermaiselsteinerin weiss ich genau,
    wie ruhig und abgelegen Balderschwang damals war. In meiner Jugend war es nur
    im Winter ‚wild und losgelassen‘ doch mit der Schneeschmelze kehrte die Ruhe wieder ins Tal.
    Orte wie Balderschwang wird es wohl immer weniger geben. Um so mehr müssen wir schauen, dass wir unsere Region schätzen und schützen und bei allem Tun auf Nachhaltigkeit prüfen.
    Ganz lieben Gruss
    Claudia

  5. Herr Traubel,

    Sie haben völlig Recht. In einer immer schneller werdenden Welt, muss man auch mal innehalten können.

    Die Bilder aus der Anfangszeit des Hubertus sehen beeindruckend aus und zeugen von gelebter Tradition.

    Vielen Dank für den historischen Einblick.

    Liebe Grüße,

    M. Heinen

    • Lieber Michael,
      gerade ist unser neuestes Werk vollendet worden.
      Es heisst „leabig“ (Lebendig)
      Ein Magazin von uns, von unserem Leben, von unserer Geschichte.
      Falls Du dieses Werk in Händen halten willst. Schicke eine Mail, ich bin überzeugt, Du wirst begeistert sein.
      Auf Bald Karl

  6. Lieber Herr Traubel,
    wie wohltuend die Zeilen sind und man spürt ein innerliches nicken und grinsen…..wie wahr…
    Die Sehnsucht in Balderschwang zu sein, das Hotel Hubertus, von mir als Akkuladestation benannt, rückt immer wieder ein gesünderes Bewusstsein in den Vordergrund. Dennoch hat die Menschheit verlernt, Prioritäten zu setzen, das jetzt und hier zu genießen und die alles bestimmende Technik einmal abzuschalten. Wie schön es doch sein kann, Mensch ärgere Dich, Monopoly, Phase 10 etc. zu spielen.
    Hoffe, diese „heile Welt“ erhält die Wertschätzung und die technischen, strukturellen Aufrüstungen halten sich in Grenzen. Der menschliche Eingriff in „Alles“ ist schon unglaublich. Immer mehr, schneller, besser…
    Freue mich auf meine nächste Auszeit in den wertgeschätzen Bergen …

  7. Lieber Karl,

    Du sprichst mir aus dem Herzen!

    ich bin froh, dass wir gleich „ticken“ und wir beide, jeder auf seine Art die Gäste eures Hauses immer wieder dahin bringen können, dass sie mal einen Moment ihren Autopiloten ausschalten und das Hier und Jetzt in Balderschwang genießen!

    Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Gedanken!
    Doris Iding

    • Doris,
      Du weisst wir verstehen uns (fast) blind.
      Schön, daß Du seit vielen Jahren an unserer Seite mitwirkst und uns immer wieder förderst. Das Du uns auch manchmal nervst, daß weist Du. :-)!
      Auf ein baldiges Wiedersehen!
      Karl

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